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„Du schaust uns an, als wären wir Insekten“: Auszüge aus einem Gespräch zwischen Ousmane Sembène und Jean Rouch im Jahr 1965
(Aus: Marie-Hèlëne Gutberlet und Hans-Peter Metzler: Afrikanisches Kino, Bad Honeff, Horlemann Verlag, 1997, 29 -32. Aus dem Französischen von Caroline Gutberlet)

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Ousmane Sembène: Sollte es einmal viele afrikanische Filmemacher geben, werden dann die europäischen Filmemacher, wie du zum Beispiel, immer noch darauf aus sein, weitere Filme über Afrika zu drehen?

Jean Rouch: Das wird von sehr vielen Dingen abhängen. Meine Ansicht hierzu ist im Augenblick folgende: Ich verfüge gleichzeitig über einen Vorteil und einen Nachteil, ich bringe den Blick des Ausländers ein. Die Vorstellung von Ethnologie selbst beruht auf folgendem Gedanken: Jemand, dem man eine ihm fremde Kultur vorsetzt, sieht bestimmte Dinge, die die Leute, die sich innerhalb dieser Kultur befinden, nicht sehen.

Ousmane Sembène: Du sagtest sehen. Im Filmbereich aber reicht sehen nicht, man muss analysieren. Mich interessiert das, was es vorher gibt, bevor man sieht, und danach, nachdem man gesehen hat. Was mir, du entschuldigst, an der Ethnologie missfällt, ist, dass es eben nicht reicht zu sagen, dass ein Mensch läuft, den man laufen sieht, man muss wissen, woher er kommt, wohin er geht...

Jean Rouch: Da hast du recht, weil wir noch nicht am Ziel unseres Wissens angelangt sind. Ich glaube ebenfalls, dass es notwendig ist, dass die auf Frankreich angewandte Ethnologie, um die französische Kultur untersuchen zu können, von Leuten von ausserhalb praktiziert werden muss. Will man die Auvergne oder Lozëre untersuchen, muss man Bretone sein. Mein Traum ist es, dass Afrikaner Filme über die französische Kultur machen. Im übrigen habt ihr damit angefangen. Als Paulin Vieyra Afrique sur Seine (1955) drehte, tat er es sicher mit der Absicht, afrikanische Studenten zu zeigen, aber er zeigte sie in Paris und dabei Paris selbst. Es könnte einen Dialog geben, und ihr könntet uns das zeigen, was wir unmöglich sehen können. Ich bin sicher, dass das Paris oder das Marseille eines Ousmane SembËne nicht mein Paris oder mein Marseille sind, dass sie nichts gemein haben.

Ousmane Sembène: Es gibt einen Film, den du gemacht hast, den ich liebe, den ich verteidigt habe und den ich auch in Zukunft verteidigen werde: Moi, un Noir (1958). Vom Prinzip her hätte ihn ein Afrikaner machen können, aber damals befand sich keiner von uns in der Situation, die dafür notwendig gewesen wäre. Ich glaube, dass es zu Moi, un noir eine Fortsetzung geben müsste. Die Geschichte – ich denke unablässig daran – dieses Jungen weitererzählen, der nach dem Indochinakrieg keine Arbeit mehr gefunden hat und im Knast landet. Was wird nach der Unabhängigkeit aus ihm? Wird sich für ihn etwas geändert haben? Ich glaube nicht. Nur ein Detail: Dieser Junge hatte eine abgeschlossene Schulausbildung; nun ist es aber so, dass heute die meisten straffälligen Jugendlichen eine abgeschlossene Schulausbildung vorweisen können. Ihre Ausbildung nützt ihnen nichts, sie erlaubt ihnen nicht, sich in normalen Bahnen zurechtzufinden. [...]
Letztendlich gibt es bisher zwei Filme über Afrika, die für mich zählen: einerseits dein Film, Moi, un noir, und andererseits Come Back Africa (Lionel Rogosin / Lewis N’Kosi/Blake Modisane, USA 1959), den du nicht magst. Und dann noch ein dritter, von ganz besonderer Art, ich meine Les Statues meurent aussi (Marker/Resnais 1955).

Jean Rouch: Mich würde interessieren, warum du meine rein ethnographischen Filme nicht magst, wo beispielsweise das herkömmliche Leben gezeigt wird?

Ousmane Sembène: Weil einem eine Wirklichkeit gezeigt beziehungsweise vorgesetzt wird, ohne dass deren Entwicklung gesehen würde. Ich werfe ihnen vor, wie ich auch den Afrikanisten vorwerfe, uns anzuschauen, als wären wir Insekten...

Jean Rouch: Wie Fabre es getan hätte... Ich werde die Verteidigung der Afrikanisten übernehmen. Sie sind Menschen, denen man gewiss vorwerfen kann, schwarze Menschen wie Insekten zu betrachten. Aber dann wären sie, wenn du so willst, wie all die Fabres, die bei den Ameisen eine gleichwertige Kultur mit derselben Tragweite wie ihre eigene entdecken.

Ousmane Sembène: Die ethnographischen Filme haben uns mehr geschadet als genutzt...

Jean Rouch: Das ist in der Tat wahr, aber es ist die Schuld der Autoren, wenn wir oft schlecht arbeiten. Das hindert uns aber nicht daran, in der aktuellen Situation einige Zeugnisse liefern zu können. Du weisst, dass eine bestimmte rituelle Kultur in Afrika verschwindet: die Griots sterben. Man muss die letzten noch lebenden Spuren dieser Kultur sammeln. Die Afrikanisten, die ich zwar nicht mir Heiligen vergleichen möchte, sind aber so etwas wie unglückliche Mönche, die die Aufgabe übernehmen, die kümmerlichen Reste einer Kultur zu sammeln, die auf mündlicher überlieferung aufbaut und im Verschwinden begriffen ist, einer Kultur, die, wie mir scheint, von grundlegender Wichtigkeit ist.

Ousmane Sembène: Aber die Ethnographen sammeln nicht nur die Märchen und Legenden der Griots. Es geht nicht nur darum, die afrikanischen Masken zu erklären. Nehmen wir zum Beispiel einen anderen deiner Filme: Les fils de l’eau (1952). Ich glaube, dass viele europäische nichts davon verstanden haben, weil diese Initiationsriten für sie überhaupt keinen Sinn machen. Sicher fanden sie den Film schön, aber sie haben nichts daraus erfahren.

Jean Rouch: Wie sonst auch dachte ich, als ich Les fils de l’eau drehte, dass die europäischen Zuschauer gerade wegen der Sichtweise im Film die alten Stereotypen, wonach die Schwarzen alle „Wilde“ sein müssen, überwinden würden. Ganz einfach zeigen, dass jemand, obwohl er nicht an einer Schriftkultur teilhat, trotzdem denken kann.
Da ist auch die Sache mit Les Maótres Fous (1954), einem meiner Filme, der Gegenstand erbitterter Diskussionen mit afrikanischen Freunden war. Für mich ist er ein Zeugnis für die spontane Art, mit der die Afrikaner, die im Film gezeigt werden und die aus ihrem Milieu gerissen wurden, sich dieser europäischen, industriellen, städtischen Atmosphäre entledigen, indem sie sie spielen und sich in ihrer Darstellung ergehen. Ich glaube, dass sich in der Tat Probleme beim Vertrieb stellen. Eines Tages zeigte ich den Film in Philadelphia anlässlich eines Anthropologie-Kongresses. Eine Teilnehmerin suchte mich auf und sagte: „Kann ich eine Kopie bekommen?“ Ich habe sie gefragt, warum sie eine haben wollte. Sie antwortete mir, dass sie aus den Südstaaten käme und... dass sie diesen Film zeigen wolle... um zu zeigen, dass die Schwarzen wirklich... Wilde sind! Ich habe abgelehnt. Du siehst, ich habe dir ein Argument geliefert.
In Übereinstimmung mit den Produzenten wurde die Verbreitung von Les Maótres Fous den Programmkinos und Filmvereinen vorbehalten. Ich glaube, dass in der Tat solche Filme keinem allzu breiten, nicht informierten Publikum präsentiert werden dürfen, zumal ohne Einführung und Erläuterung. Doch ich glaube, dass die Leute in Maótre Fous mit ihrem so sonderbaren Zeremoniell einen wesentlichen Beitrag zur Weltkultur liefern.



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